Prof. Dr. Ursula Schumm-Garling
Für das Jahr 2020, 2021 und folgende widmet sich die Modrow Stiftung zentralen Fragen und Problemen
von Frauen insbesondere der Rechtlichen Stellung und Lebenswelten von Frauen im geteilten und im heutigen Deutschland.
Dazu sind Seminare,Workshops und andere Veranstaltungen geplant. Es sollen soziologische und
kulturwissenschaftliche Aspekte herausgearbeitet werden und Handlungsleitfäden entwickelt werden an
denen sich politische und kulturelle Initiativen orientieren können.
In diesem Zusammenhang werden Vorbereitungen getroffen über die Fraktion der Linken im Deutschen
Bundestag eine Anhörung zu organisieren.

Öffentlichkeitswirksame Aktionen sollen das Projekt begleiten.

Zu den einzelnen Themenkomplexen:
Die Diskriminierung von Frauen stellt nach wie vor ein unbewältigtes Problem dar. Auch wenn die rechtlichen
Rahmenbedingungen bessere Voraussetzungen für Frauen gewährleisten sind die Lebenswelten von Frauen
immer noch durch Benachteiligungen gekennzeichnet. Wenn wir gemeinsam darum kämpfen, die
gesellschaftliche Stellung von Frauen zu erhalten und zu verbessern, ist es dringend geboten, auf die Realität von
Frauen in beiden deutschen Staaten zurückzublicken. In Würdigung von Clara Zetkin wird die Frauenfrage im
Zusammenhang mit der sozialen erörtert. Wir brauchen eine Analyse, die die DDR-Vergangenheit einschließt.
Die Voraussetzungen für ein gleichberechtigtes Leben waren in der DDR und BRD grundverschieden. Die
Gleichberechtigung wurde in der Verfassung der DDR im Artikel 7 festgeschrieben. Im Familiengesetzbuch
wurde die gleiche Verteilung der häuslichen Tätigkeiten zur Norm erklärt. Die Erwerbstätigkeit war voll
akzeptiert, obwohl das traditionelle Familienmodell aufrecht erhalten wurde. Um den Frauen die Vereinbarkeit
von Erwerbsarbeit, Qualifizierung, gesellschaftspolitischem Engagement, Mutterschaft und familiären Pflichten
zu erleichtern wurde die öffentliche Kinderbetreuung ausgebaut und ein Babyjahr eingeführt, die Arbeitszeit
verkürzt und ein Hausarbeitstag pro Monat bezahlt. Die Erwerbstätigkeit der Frauen war der entscheidende
Schritt für ihre Gleichberechtigung. Widersprüche zwischen Anspruch und Wirklichkeit eines gleichberechtigten
Lebens in der DDR wurde insbesondere nach 1990 dazu genutzt, die emanzipatorischen Fortschritte zu
entwerten. Allerdings muss festgehalten werden, dass insbesondere gegenüber der bundesrepublikanischen
kapitalistischen Variante Geschlecht als sozial differenzierendes und hierarchisierendes Kriterium
festzuschreiben, weit weniger wirksam war. Das hat Auswirkungen bis heute.
Die Diskurse um die Stellung der Frau in der BRD war gekennzeichnet durch mittelalterlich anmutende
patriarchale Vorstellungen. Im Grundgesetz wurde der Satz „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ erst
nach heftigen Kämpfen der Frauen aufgenommen. Das Bürgerliche Gesetzbuch von 1900 wurde erst 1957
überarbeitet. Der Mann bestimmte bis dahin den Aufenthaltsort der Familie, verwaltete und nutzte das
Einkommen und ggf. auch das Vermögen seiner Frau, er entschied über Bildung und Ausbildung der Kinder und
hatte ihnen gegenüber das Züchtigungsrecht. Bis 1977 durften Ehefrauen nur mit Einwilligung des Ehemannes
berufstätig sein. Im Konfliktfall konnte der Ehemann auch gegen den Willen seiner Ehefrau das Arbeitsverhältnis
kündigen.
Auch arbeitsrechtlich wurden die Frauen diskriminiert.
Die Diskriminierung der Frauen wurde in der BRD ab den 70ger Jahren intensiv durch eine vielfältige
Frauenbewegung und eine sich langsam durchsetzende Frauenforschung thematisiert und einige Verbesserungen
für die Lebens- und Arbeitssituation von Frauen durchgesetzt.
Die DDR-Bürgerinnen unterschätzten die ökonomischen und sozialen Möglichkeiten unter denen sie ihr
Lebensmodell hätten aufrecht erhalten können. Die DDR-Frauen wurden mit einem völlig anderen
Gesellschaftsbild konfrontiert. Konstituierend für den Neoliberalismus ist die marktförmige Organisation aller
Lebensbereiche, die schwindendes Vertrauen befördert, eine wachsendes Fragmentierung zur Folge hat und
wachsende soziale Fragmentierung zur Folge hat. (Verlust von kollektiver Bindungskraft und Solidarität).
Erhalten haben sich bis heute entscheidende Nachteile für Frauen: Ein skandalöser Dauerbrenner ist bis heute
die Einkommensdifferenzen zwischen Männern und Frauen.
Dazu gehört, dass die prekarisierte Arbeit hat insbesondere für Frauen zugenommen hat. Beschäftigung in
Teilzeit oder im Niedriglohnbereich gehören ebenso dazu wie Heim-, Zeit- oder Leiharbeit, Minijobs ebenso wie
illegale, saisonale oder temporäre Arbeit bis hin zu allen Formen der Soloselbständigkeit oder der outgesourcten

Tätigkeiten in der digitalen Welt. Diese Entwicklungen haben einen wesentlichen Anteil daran, dass die
Renteneinkommen kaum zum leben reichen. Die Altersarmut ist weiblich.
Noch immer ist die Gewalt gegen Frauen nicht überwunden. Jede dritte Frau in Deutschland wurde bereits Opfer
von körperlicher oder sexualisierter Gewalt. In der Rechtsanwendung bestehen immer noch genderspezifische
Schwächen. Zu fordern ist mehr Schutz der Frauen durch den Staat wie durch eine flächendeckende Beratung
und Unterstützung und mehr Einrichtungen und Schutz auch vor häuslicher Gewalt.
Die Renaissance rechtsextremer Bündnisse und Parteien hat zur Folge, dass erreichte Standards der
Gleichberechtigung in Frage gestellt werden. Viel zu wenig beachtet wird, dass Frauenfeindschaft neben der
Diffamierung von Migranten*innen ein essentieller Bestandteil der rechtsradikalen Ideologie darstellt.
Weltweit lebt die feministische Bewegung auf. In den USA formiert sich gegenwärtig eine breite Opposition unter
dem Dach der Frauenbewegung. In latein- und mittelamerikanischen Staaten formieren sich Bewegungen unter
dem Ruf „nicht eine weniger“ (ni una menos) gegen die allgegenwärtige Gewalt und insbesondere gegen die
Frauenmorde (Femizide), die es übrigens auch in Deutschland gibt (in diesem Jahr sind hierzulande bisher 144
Femizide begangen worden).
Der Kampf gegen Ungleichheit und Diskriminierung umfasst neben der sexualisierten Gewalt ebenso den Kampf
gegen die ökonomische und kulturelle Ungleichheit und Benachteiligung. So kämpfen beispielsweise die Frauen in
Chile oder Argentinien gegen das neoliberale Wirtschaftsprogramm in dem sie die Basis gegenwärtiger
Ungleichheit und Armut sehen.
In der BRD richteten sich im Frühjahr diesen Jahres Frauenstreiks gegen den §218 in Verbindung mit dem
Informationsverbot des §219 und im Zusammenhang mit der Benachteiligung von Frauen in bezahlter und
unbezahlter Arbeit sowie gegen die allgegenwärtigen Gewaltverhältnisse.